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„Völlig losgelöst“ – Die WM 2026 zwischen Public Viewing und Boykott 

Die Fußball-WM 2026 warf ihren Schatten weit voraus und diesmal fiel er über gleich drei Länder hinweg. Die USA, Kanada und Mexiko richteten das Turnier gemeinsam aus. Ein Megaevent, das sportlich faszinierte, politisch polarisierte und organisatorisch so manche Frage aufwarf. Während die Stadien in Nordamerika modernisiert wurden und die FIFA den größten WM-Modus aller Zeiten vorbereitete, fragten wir uns: Wie fühlt sich eine Weltmeisterschaft an, die so weit entfernt stattfindet? 

Wir schauten darauf, wie sich die Atmosphäre rund um die WM veränderte und warum sie dieses Jahr auf deutsche Fans anders wirkte als sonst. Spielten die Austragungsorte, die politische Lage vor Ort und die Zeitverschiebung dabei eine große Rolle? Um ein Meinungsbild zu bekommen, haben wir eine kleine Feldforschung betrieben und bei Public-Viewing-Veranstaltungen in Oldenburg Gespräche mit Fans zwischen 15 und 30 Jahren geführt. Hinzu kamen Kurzinterviews mit Fußballbegeisterten im privaten Raum. Damit wollten wir herausfinden, ob sich die Ansichten gleichaltriger Fans mit unseren Vorstellungen vergleichen lassen.  

Wie also nahmen die Fans diese Weltmeisterschaft wahr? Waren sie sich der politischen und gesellschaftlichen Missstände bewusst und beeinflusste dieses Wissen ihre Begeisterung für das Turnier? 

 

WM 2026 – Katar 2.0? 

Die Fußball-WM in Katar im Jahr 2022 stand in einem negativen Licht. Die teils extrem schlechten Arbeitsbedingungen für Gastarbeiter auf den Baustellen, die hohe Zahl an Todesfällen sowie der Umgang des Gastgeberlands mit Homosexualität und Diversität führten dazu, dass Katar als Austragungsort massiv in die Kritik geriet.[1] Deshalb wurde damals festgelegt, dass mit der Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Mexiko und Kanada die Einhaltung der Menschenrechte Teil der Grundbedingungen für die Organisation des Wettbewerbs sein sollen.[2] Aber wir stellten fest: Die Umsetzung ist durchaus fragwürdig. Im Jahr 2025 wurden in den USA eine halbe Millionen Menschen durch die Einwanderungsbehörde ICE abgeschoben, und Fans aus dem Senegal, dem Iran, Haiti und der Elfenbeinküste wird der Eintritt ins Land verwehrt. In Mexiko gelten durch das massenhafte Verschwindenlassen durch organisierte Kartelle und korrupte Behörden mehr als 133.500 Menschen als vermisst. Damit nicht genug: Um ein „sauberes Stadtbild“ vorweisen zu können, wurde in Kanada gewaltsam gegen Obdachlose vorgegangen. Diese Vorgänge sind aber medial wenig durchdrungen.  

In unseren Gesprächen mit Fans zeigte sich, dass vor allem politischen Missstände in den USA bekannt sind. Themen wie die Abschiebungen durch ICE und das Einreiseverbot einzelner Fangruppen wurden zwar immer wieder erwähnt. Sobald wir aber auf die Situation in Kanada oder Mexiko zu sprechen kamen, wurde es deutlich stiller. Viele gaben offen zu, kaum etwas über die politischen Bedingungen dort zu wissen. Deutlich wurde in den Gesprächen aber eine kritische Grundhaltung gegenüber der WM und der FIFA. Immer wieder hörten wir davon, dass man die WM, die Übertragung der Spiele und das Schauen dieser boykottieren müsste.  

Wie stehen deutsche Fans zum WM-Boykott? (Bild: statista) (https://de.statista.com/infografik/36093/umfrage-zur-wahrscheinlichkeit-eines-boykotts-der-fussballweltmeisterschaft/)

Wie stehen deutsche Fans zum WM-Boykott? (Bild: statista) (https://de.statista.com/infografik/36093/umfrage-zur-wahrscheinlichkeit-eines-boykotts-der-fussballweltmeisterschaft/)

 

 

„Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich überhaupt die Spiele schaue und aufgrund des Einreiseverbots finde ich es einfach nur noch belastend und absurd“, meinte ein Fan beim Public Viewing. Andere suchen nach einer Art Kompromiss und schauen nur die „Deutschlandspiele und keine anderen“, wohlwissend, dass das „ja total die Doppelmoral“ ist. Diese Aussagen zeigen, in welchem Spannungsfeld sich viele Fans bewegten. Das Bewusstsein für die politischen Rahmenbedingungen ist vorhanden – wird jedoch von der Begeisterung für den Sport und die Tradition verdrängt. Es gibt aber auch Fans, die keine Verbindung von Politik und Fußball sehen: „Politik hat in meinen Augen nichts mit Fußball zu tun“.  

Insgesamt stellen wir fest: Zwischen Boykottgedanken, Doppelmoral und Gleichgültigkeit liegt ein breites Meinungsspektrum vor. Die politische Lage ist präsent, aber sie beeinflusst Fans sehr unterschiedlich. Bei uns entstand ein innerer Konflikt, den viele Befragte offenbar auch kannten. 

 

Wie viel Fan steckt im Fan-Artikel? 

Kaum tauchen die ersten Trikots und Fahnen auf, kippt die Atmosphäre. Aus einer Menge wird ein Kollektiv, aus einzelnen Zuschauern eine Fan-Kurve. Diese Objekte schaffen Identität, noch bevor der Ball überhaupt rollt. Doch dieses Kollektiv entsteht nur, wenn Fans in die Öffentlichkeit gehen und beim Public Viewing Spiele schauen. Dort trägt die Mehrheit mindestens einen Fan-Artikel bei sich. Von kostenlosen Werbetrikots, wie von Check 24, über originale Nationalmannschaftstrikots bis hin zu Kopfbedeckungen, großen Flaggen und Schminkstiften in schwarz-rot-gold ist alles dabei. Die Spannweite bei den Fan-Artikeln ist riesig.  

Public-Viewing-Veranstaltung in der EWE-Arena in Oldenburg (Foto: Johanna Lorenz).

Public-Viewing-Veranstaltung in der EWE-Arena in Oldenburg (Foto: Johanna Lorenz).

 

Vor allem die Werbetrikots werden beim Public Viewing von Ultra-Fans kritisiert, da sie nicht für ein echtes Fan-Sein stehen. Wollen diese Leute nur zu einer Gruppe dazugehören oder stehen sie wirklich hinter dem Land und der Mannschaft? Neben den Großveranstaltungen gibt es auch viele Fans, die die Spiele im privaten Raum verfolgen. Dort ist uns aufgefallen, dass materielle Objekte eine viel geringere Bedeutung haben. Es bleibt also offen, ob Trikots nur getragen und Flaggen nur gehisst werden, um nach außen eine Identität zu wahren.    

 

Die WM, die Fans den Schlaf raubt  

Fan-Sein endet aber nicht bei Trikots und Flaggen. Es wird auch davon geprägt, wann WM-Spiele stattfinden. Ein Blick auf die Zeitzonen zeigt, wie sehr das die Atmosphäre hier beeinflusst. 

Schlafen gehen oder Fußball schauen? Eine Frage, die sich Fans 2026 ständig gestellt haben. Die Anstoßzeiten der WM sorgten dafür, dass Fußballbegeisterte mitten in der Nacht wach blieben oder ihren Wecker auf eine völlig absurde Uhrzeit stellten. Sie machten für ihre Mannschaft auch das Unmögliche möglich. Getreu dem Motto „Die Nacht zum Tag machen“ oder „Der frühe Vogel fängt den Wurm“. Die Meinungen dazu gingen aber stark auseinander. Viele entschieden sich stattdessen bewusst für Schlaf statt Fußball. 

WM-Spiel schauen nach 22 Uhr (Foto: Johanna Lorenz).

WM-Spiel schauen nach 22 Uhr (Foto: Johanna Lorenz).

Fans erzählten uns, dass die Deutschlandspiele zeitlich ganz gut lagen – zumindest so, dass man sie ohne größere Probleme schauen konnte. Trotzdem wurde schnell klar: Mit Job, Alltag und möglichen K.O.-Spiel-Verschiebungen war es durchaus kompliziert. Vor allem die späten Spiele drückten auf die Stimmung. 22 Uhr Anpfiffe schauten viele lieber auf dem Sofa als beim Public Viewing, weil der Weg nach draußen dann doch zu aufwendig schien. Auffällig war, dass vor allem Studierende für Fußball mehr möglich machten als Berufstätige: „Da kann auch mal ein Seminar ohne mich stattfinden“.

Die Stimmung unter deutschen Fans wirkte erstaunlich zwiegespalten. Sobald die ersten Spiele liefen, nahmen wir wieder dieses vertraute Kribbeln wahr: das gemeinsame Schauen, die kleinen Rituale, die Hoffnung, dass Deutschland vielleicht doch überraschen könnte. Gleichzeitig spürten wir aber auch eine gewisse Distanz. Viele Fans waren zwar dabei, aber nicht mehr mit der unbeschwerten Euphorie früherer Turniere. „Wenn ich am nächsten Morgen aufwache, habe ich vier Spiele verpasst, da kommt langfristig gar keine Stimmung auf“. Zwischen politischen Diskussionen und nächtlichen Anstoßzeiten pendelte die Atmosphäre irgendwo zwischen „Wir schauen trotzdem“ und „So richtig packt es mich diesmal nicht“. Genau diese Mischung prägte die WM-Stimmung 2026: ein bisschen Begeisterung, aber auch ein bisschen Skepsis. 

 

Kurz gesagt: Diese WM ist anders 

Am Ende fühlte sich diese WM ein bisschen so an, als würde man versuchen, ein Sommermärchen in einer Welt zu feiern, die alles andere als märchenhaft ist – zumindest bei den Oldenburger Fans. Die politische Lage war bei vielen Fans durchaus ein Thema, die Zeitverschiebung und die damit einhergehenden nächtlichen Anpfiffe der Spiele ließen keine Stimmung aufkommen, und selbst die Trikots, Flaggen und Schminke wirkten eher wie Deko als Ausdruck echter Euphorie. Trotzdem schauten viele die Spiele – mal mit schlechtem Gewissen, mal mit Müdigkeit und mal mit echter Begeisterung. Diese Mischung machte die WM 2026 aus. Es war ein Turnier, das zeigte, wie sehr Fußball zwischen Alltag, Moral und Fan-Sein pendelt, und wie wir trotzdem immer wieder einen Weg finden, irgendwie dabei zu sein. 

Johanna Lorenz und Luca Stiffel 

 

Anmerkungen 

[1] Piskurek, Cyprian (2024): Fußballpolitiken. Zur Aushandlung von Macht innerhalb und außerhalb des Stadions. Dortmund: Springer VS. S. 1. 

[2] Millward, Peter; Ludvigsen, Jan Andre Lee; Sly, Jonathan (2023): Sport and Crime. Towards a Critical Crimonology of Sport. New York: Routledge. S. 164 f. 

 


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Johanna Lorenz, Luca Stiffel (21. Juli 2026). „Völlig losgelöst“ – Die WM 2026 zwischen Public Viewing und Boykott . Dings Da! Abgerufen am 19. August 2026 von https://dingsda.hypotheses.org/824


2 Antworten

  1. Diesem spannenden Artikel wollten wir eine noch größere Reichweite verschaffen und haben ihn deshalb in den Slider auf unserer Startseite de.hypotheses.org und in unseren Newsletter aufgenommen.

    Hannah Miriam Tulay (Community Management von de.hypotheses)

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