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Die WM als ästhetisches Event: Fußballtrikots als Modetrend

Wenn sich die Häuser, Autos und Supermärkte in ein einheitliches Farbenmeer verwandeln, wird deutlich: Fußball ist mehr als nur das Geschehen auf dem Platz. Es verbindet Menschen, Fremde werden zu Freunden (zumindest während eines Fußballspiels) und Emotionen werden gemeinsam durchlebt. Auch als Nicht-Fußballfan wird man durch die Leidenschaft, die bei Public Viewings regelrecht greifbar ist, in den Bann gezogen und fiebert mit.  

Im Rahmen der diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft suchten wir nach gesprächigen Personen, die ein Trikot tragen. Hierfür besuchten wir die EWE Arena in Oldenburg – dort fand eine große Public Viewing-Veranstaltung statt – sowie ein Restaurant in Delmenhorst und schauten uns gemeinsam mit allen Besucher*innen das erste Deutschlandspiel an. Im Zentrum unseres Interesses stand die Frage: Welche Bedeutung hat das Fußballtrikot für die Fans?  

Abbildung 1: Eine Auswahl an Fußballtrikots (Foto: Melissa Künken).

Abbildung 1: Eine Auswahl an Fußballtrikots (Foto: Melissa Künken).

 

Das Fußballtrikot: Was steckt dahinter? 

Das Fußballtrikot ist weit mehr als bloße Sportbekleidung. Es ist nicht nur ein Träger komplexer sozialer Prozesse, sondern fungiert als das zentrale Objekt der materiellen Fankultur. Während einer Weltmeisterschaft wird es zum sichtbaren Marker für das Gefühl von Zugehörigkeit, zum modischen Statement und zum hocheffizienten Wirtschaftsgut.[1] 

Beim Public Viewing trafen wir fast ausschließlich auf Besucher*innen, die ein Trikot trugen. „Ich wollte dazugehören“, antwortete eine Person im Trikot, die mit ihrem Bruder und dessen Kumpel zum Fußball-Schauen mitgegangen war. Auch wenn sie kein Fußballfan ist, spielt das Trikot als Objekt also eine entscheidende Rolle, um Zugehörigkeit anzuzeigen. Es vermittelt eine Botschaft: Ich gehöre zu dieser Mannschaft. Es ist mit Emotionen aufgeladen und schafft Erinnerungen. Gerade innerhalb der Fangemeinschaft erzeugt es Verbundenheit und unterstreicht das vorherrschende Gemeinschaftsgefühl. Ein Fan berichtete uns: „Das Trikot trage ich nur, wenn ich mit Freunden Fußball schaue. Es steht für Gemeinschaftsgefühl und ich supporte mein Land damit.“ 

 

Vom Baumwollhemd zum High-Tech-Trend 

Fußball – ein Sport, der längst nicht mehr nur auf dem Spielfeld stattfindet. Er prägt Erinnerungen, schafft Gemeinschaft und hinterlässt seine Spuren längst auch in der Mode. Jedes Jahrzehnt hat seine eigenen ästhetischen Merkmale, die heute oft als Retrowellen zurückkehren (Bilder aller Trikots von 1954–2022 hier). Ein paar Beispiele: 

Abbildung 2: DFB-Trikot 1954, das Wunder von Bern. (Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fussball-Weltmeisterschaft_1954_(Com_M03-0108-005-0001).jpg 

Abbildung 2: DFB-Trikot 1954, das Wunder von Bern. (Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fussball-Weltmeisterschaft_1954_(Com_M03-0108-005-0001).jpg

 

Mit dem „Wunder von Bern“ holte Deutschland 1954 den ersten WM-Titel ‚nach Hause‘. Damals bestand das Trikot – ganz in weiß gehalten – aus schwerer Baumwolle mit einem schlichten schwarzen Schnürkragen, das nach jedem Einsatz mühsam per Hand gewaschen werden musste. Auch wenn die Zeit der Handwäsche schon lange vorbei ist, dient es immer noch als Inspiration für Retrokollektionen in Fanshops und ist somit wieder ‚voll im Trend‘. 

In den 1990er Jahren wurden die WM-Trikots gewagter: Zum schlichten Weiß kamen Muster in den Nationalfarben hinzu und erstmals gab es ein farbiges, grünes Auswärtstrikot. 

Heute kommen Muster und Farben wieder zurück, es wird nostalgisch: Das aktuelle DFB-Heimtrikot soll „eine Hommage an die größten Erfolge und legendärsten Trikots Deutschlands bei Weltmeisterschaften“ sein, heißt es auf der Verbandshomepage. Das viel diskutierte pinke Auswärtstrikot der EM 2024 ist ein gutes Beispiel dafür, dass das Trikot zunehmend als modisches Experimentierfeld genutzt wird.     

 

„Ein Rückruf zu guten Zeiten“ 

Strahlende Gesichter, Gehüpfe und Geschreie. 2014 war ein Jahr, an dem die Fußballfreude in Deutschland riesig war: Die deutsche Fußballnationalmannschaft holte ihren vierten Weltmeistertitel. Mehrfach teilten unsere Gesprächspartner*innen mit, dass sie sich dieses Jahr mit „Retro-Trikots” eingedeckt hätten, schließlich rufe das Kleidungsstück „positive Erinnerungen an alte Zeiten“ hervor.  So wurde auch das aktuelle DFB-Trikot vom „Retro-Look“ beeinflusst: Ein Verweis zurück in die Vergangenheit – ein Trikot, das vom Wunsch nach dem Erlebnis früherer Zeiten lebt und wohl auch von der Sehnsucht nach einem erneuten WM-Titel. Einige Besucher*innen sprachen von der Erinnerung an eine Zeit, in der für sie nur der Fußball im Vordergrund gestanden habe, vor allem die Freude am Spiel. 

 

Lifestyle und Ästhetik: Fan oder Fashionista? 

Abbildung 3: Fans in der EWE Arena, Oldenburg (Foto: Melissa Künken). 

Abbildung 3: Fans in der EWE Arena, Oldenburg (Foto: Melissa Künken).

Fußball ist längst Teil der globalen Popkultur. Der Übergang vom Stadionbesucher zum Flâneur, einem Fantypus, der sich primär für die ästhetischen und kosmopolitischen Erlebnisse interessiert, ist fließend.[2] Fußballstars wie David Beckham, Neymar oder Christiano Ronaldo fungieren hierbei als Werbebotschafter und setzen Trends außerhalb des Rasens. Die Ergebnisse unserer geführten Interviews zeigen, dass Träger*innen ganz unterschiedliche Bezüge zu ihren jeweils gewählten Trikots haben: „ohne deepe Bedeutung“, „hab‘s gekauft, weil alle anderen Spieler ‚ausverkauft‘ waren“. Abgesehen von den unterschiedlichsten Farben und Mustern des Trikots finden sich auch viele verschiedene Beschriftungen. Einige Fans trugen Trikots mit einem bestimmten Spielernamen und der dazugehörigen Nummer. Andere haben ein ähnliches Trikot, jedoch ohne Beschriftung, und wiederum andere trugen sogenannte Werbe-Trikots, die mit dem Schriftzug oder dem Label eines Unternehmens gekennzeichnet waren. Viele Fans erzählten uns, das pinke Trikot der EM 2024 gekauft zu haben, weil es „stylisch“ sei oder sie die Farbe mögen. Das Trikot ist also mehr als nur Sportbekleidung, es ist ein modisches Kleidungsstück, unabhängig von einer tieferen fußballerischen Verbundenheit. Es wird zum Mittel der Selbstdarstellung. 

 

Trikot mit Stil 

Ein sehr zufällig zugetragenes Gespräch im Parkhaus der Universität Oldenburg und somit komplett außerhalb des Fußball-Settings führte zu sehr überraschenden und interessanten Aussagen. Überraschend, da unsere bisher gesammelten Ergebnisse überwiegend in eine Richtung wiesen – Trikots stehen „für Gemeinschaftsgefühl, Nationalgefühl“. Unsere Parkhaus-Begegnung hatte dagegen mehr etwas von einer Art Stilberatung – eine Stilberatung in der Garage. Die mit Trikot bekleidete Person erzählte uns, dass sie nicht nur „offizielle“ Trikots trage, sondern auch bewusst Fashion-Shirts im Trikot-Stil kombiniere. „Ich bestell‘ regelmäßig Mystery-Boxen mit Trikots und feier‘ die Trikots von irgendwelchen Dritt- oder Fünftligisten. Vor allem die Longshirts von FC Versailles trage ich sehr gern als normales Oberteil.“ Weitere Recherchen zeigten: Aktuell finden sich zahlreiche Fast-Fashion-Brands, die ganze Kollektionen mit Bezug zum Fußball vertreiben. Auch Social Media weiß den Fußball-Trend zu nutzen: Wir stießen auf Creator*innen, die das Trikot durch Umgestaltung oder Maßanfertigung komplett neu interpretieren. Es wird zur Mode, im Alltag integriert, Outfits werden drum herum gebaut, das Trikot wird verschönert, an den Körper angepasst und in diesem Sinne umgenäht, gar komplett umgestaltet. Kurz gesagt: Das Trikot wird der aktuellen Mode angepasst. 

 

Zugehörigkeit durch Gratis-Kultur  

Aus welchem Grund wählen die Menschen ihr Trikot aus? Wie oben schon erwähnt, waren viele Besucher*innen bei unseren Public Viewing-Beobachtungen mit Trikots zu sehen, die nur einen Aufdruck eines Unternehmens trugen. Hängt die Wahl mit dem stolzen Preis der offiziellen WM-Trikots zusammen? Viele unserer Gesprächspartner*innen stimmten dem zu. Wieso ein Trikot kaufen, wenn man ein Gratistrikot bekommen kann? Verschiedene Unternehmen boten diese unter bestimmten Bedingungen an. Sie haben einen erheblichen werblichen Nutzen für die Firmen und geben mit dem Gratis-Angebot gleichzeitig vielen Menschen die Möglichkeit, auch ohne finanzielle Mittel an ein Trikot zu kommen. Es mag wohl keinem entgangen sein, dass auch dieses Mal kostenlose Check24-Trikots zu bekommen waren. Auch die EWE Arena hat beim Einlass unzählig viele Trikots verteilt:  

Abbildung 4: Gratis EWE-Trikot (Foto: Melissa Künken). 

Abbildung 4: Gratis EWE-Trikot (Foto: Melissa Künken).

Diese Trikots sind relativ schlicht gehalten: weiß mit einem Farbverlauf in Nationalfarben und natürlich einem EWE-Schriftzug. Viele Fans zogen sich diese ‚Trikots‘ direkt über, da sie selbst keines hatten. Andere holten sich diese mit der Begründung „es ist für Freunde oder Verwandte von mir.“ Aber natürlich gab es auch Leute, die einfach ein weiteres, kostenloses Trikot abgreifen wollten. Auf Nachfrage wollten viele dieses Trikot haben, „um nicht als einer der Wenigen ohne EWE-Trikot zu sein.“ 

Zugehörigkeit entsteht also nicht nur durch gemeinsame Verbundenheit zur Nationalelf. Beim Public Viewing will man dazugehören und passt sich daher der Gruppe an, um nicht ausgeschlossen zu werden. Zu diesem Schluss kommen wir jedenfalls anhand der von uns befragten Personen im Check24-Trikot: „Hauptsache ein Trikot“, „lieber das als gar keins“ schallte uns entgegen. 

 

Die WM als ästhetisches Event? 

Wir würden auf diese Frage nach unseren Beobachtungen und den Social Media-Trends mit „Ja“ antworten. Das Fußballtrikot ist längst mehr als ein Kleidungsstück für Spieler*innen auf dem Feld. Es verbindet Menschen, weckt und zeugt Erinnerungen und setzt Modetrends. Gleichzeitig ist es Teil eines kommerziellen Systems, von dem Marken, Sponsoren und Unternehmen profitieren. Unsere Beobachtungen zeigen außerdem, dass das Trikot nicht immer nur Ausdruck von Begeisterung oder Unterstützung ist. Für viele scheint es auch eine Möglichkeit zu sein, dazuzugehören – oder nicht als einzige Person ohne Trikot aufzufallen. Gerade kostenlose Werbetrikots machen deutlich, wie eng Gemeinschaftsgefühl, sozialer Anpassungsdruck und wirtschaftliche Interessen miteinander verwoben sein können.  

Ob mit dem Lieblingsspieler auf dem Rücken, als stylisches Retro-Piece oder als kostenloses Werbetrikot – die Grenzen zwischen Fansein, Fashion und Konsum verschwimmen dabei immer mehr. Was wird wohl zur nächsten EM der neueste Trend? 

Jana Funk und Melissa Künken 

 

Anmerkungen

[1] Vgl. Fritz, Gerald (2019): Fanclubs der Nationalmannschaften im deutschen Teamsport. Value Co-Creation zwischen Kommerzialisierung und Fankultur. Springer: Wiesbaden. S. 5.

[2] Vgl. Fritz (2019), S. 39.

 


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Jana Funk, Melissa Künken (4. August 2026). Die WM als ästhetisches Event: Fußballtrikots als Modetrend. Dings Da! Abgerufen am 20. August 2026 von https://dingsda.hypotheses.org/1024


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